Theater
         
 

Café Krematorium

Café Krematorium

 

Schauspielhaus Zürich

 

Café Krematorium Berlin

Schwatzen, Schluchzen, Singen

Berliner Kritiken von Reinhard Wengierek

"Ein Tempel der Duldung und der Freiheit" nennt der der Städtische
Heiztechniker H. Renninger nicht ohne Stolz und Ehrfurcht seinen
Arbeitgeber: das Zürcher Krematorium. Nebenan betreibt
Alleinunterhalter Andreas Krämer sein "Café Krematorium", eine urige
Plauderstube für Hinterbliebene. Und der Herr Renninger gehört zu
jenen acht Personen, die uns der Herr Krämer in kleinen, weise
zusammengeschnippelten Monologen überraschend nahe bringt: Es sind da
die just verstorbene Lilian Loosli, die einst ihre Familie verließ und
ins Exil ging in ihren Garten mit der Laube. Ihr trauernder
Lebensfreund Gigi; dann die beiden Tanten Hanni & Fridi, das späte
Mädchen Claudia, Looslis Tochter. Oder der verbitterte Junggeselle
Rolf, oder eben Heiztechniker Renninger, der uns aufklärt, die Leichen
würden beim Kremieren nicht "gebraten wie a Würschtl". Vielmehr sei
es, nach einem Verfahren der Firma Siemens, heiße Luft, welche den
Inhalt für die Urne produziere.

Das pittoreske Personen-Panorama aus dem Kreis Nr. 5 der Stadt Zürich
fußt auf dem Büchlein "So zogen die Jahre dahin"; Lebenserzählungen
von Bewohnern besagten Kleine-Leute-Viertels. Der vertrackt
hintergründige Humorist Krämer machte daraus in einer Koproduktion des
Zürcher Schauspielhauses mit der Zürcher Off-Bühne "sogar theater"
eine so feinsinnig-melancholische wie hinterwäldlerisch-grantelnde
Revue (Regie: Boris Pfeiffer) über zwar unauffällige, doch ziemlich
eigensinnige Menschen. Eine zärtliche Stunde voller grotesker,
aberwitziger und eben auch unheimlicher und tragischer Momente.
Durchwirkt mit leise traurigen, bitteren oder sarkastisch grinsenden
Liedern zu Akkordeon, Gitarre, Klavier.

Artikel erschienen am 7. Mai 2003

Die Welt

© WELT.de 1995 - 2003

Vollständige Url des Artikels: http://www.welt.de/data/2003/05/07/88113.html

Café Krematorium 2

BAZ

Café Krematorium» im Unternehmen Mitte

Leben um die Toten Er hockt auf dem Klavier und prahlt mit der neuen Technik einer reinigenden Glut und dem, was da hinausdriftet in die freie Atmosphäre. Man ist plötzlich ganz unangenehm an das erinnert, was die Nazis in den Konzentrationslagern praktizierten. Doch nein, es ist ganz anders, viel harmloser: Der Schauspieler Andreas Krämer und sein Regisseur Boris Pfeiffer haben uns mit der Rahmenhandlung - der Text stammt aus einem Band über die Entstehung des Zürcher Krematoriums aus dem Jahr 1915 - einfach einmal gehörig durchschütteln wollen. Die Geschichte selbst ist dann ganz alltäglich: Lilian Loosli, eine starke und eine schöne Frau, ist tot, eingeschlafen während der Seniorenreise ihrer Kirchgemeinde. Was übrig bleibt, ist, neben der so unpersönlichen Urne, ein fahles Bildnis von ihr und ein paar verlorene Menschenseelen.

Da ist zum Beispiel der eigentlich ganz bodenständige «Gigi vo Arosa», den Krämer gleich noch das Lied dazu trällern lässt: Hat Lilian über eine Kontaktanzeige kennen gelernt, ist ihr erlegen und fragt sich heute, warum man eigentlich vom Himmlischen in Ewigkeit singt. Da ist der verknorzte Verlierer, Felix Loosli, den Lilian für ihre persönliche Freiheit verlassen hat und der sein wiederholtes «Ja, das war eine grosse und tragische Herausforderung» dergestalt auf die Klaviertasten niederrasseln lässt, dass einem im Safe des Unternehmens Mitte, wo die Aufführung stattfindet, nochmals enger wird. Und da ist der bemitleidenswerte Rolf, ein heimatloser Junkie, dem beim Handorgelspielen die Welt über dem Kopf zusammenstürzt und der sich erst mit Gott im Himmel versöhnt, als dieser Lilian mit ihm teilen will.

Das Ein-Mann-Stück «Café Krematorium» mit dem Basler Andreas Krämer in allen Rollen ist eine Koproduktion des Zürcher Schauspielhauses und des Sogar-Theaters im Stadtkreis 5. Im Kreis 5, heute bekannt als das boomende Industriequartier «Zürich West», entstand auf Initiative einer Kirchgemeinde ein Buch mit Lebensgeschichten von Quartierbewohnern. Es dient Pfeiffer/Krämer als Vorlage für einen thematischen Abend über den Umgang mit dem Tod eines Menschen durch uns Zurückgebliebene. Ja, wenn wir verlassen werden, merken wir doch erst richtig, was uns alles schon im Leben weggenommen wurde: dem Gigi sein Bündnerland, dem Felix seine erste Frau (die zweite hilft da auch nicht) und dem Rolf seine ganze Zukunft. Andreas Krämer beherrscht zweifellos das Spiel auf der Bühne und den Instrumenten und nähme er sich manchmal ein ganz klein wenig zurück, würde die Allgegenwart des Todes im Leben noch näher rücken. Anna Wegelin


Café Krematorium 3

Theater über Stadtkreis 5

Schauspieler Andreas Kraemer im Proberaum.

Zürich - Der Kreis 5 entwickelt sich zur trendigen Boomtown: Eine Theaterproduktion des Schauspielhauses und des Sogar- Theaters erinnert an den früheren Alltag der Industriequartierbewohner. Eine Tote wird kremiert, und im Café Krematorium - so der Titel der Inszenierung - treffen sich die Hinterbliebenen. "Hier besinnen sie sich traurig und heiter, verschroben und poetisch des gemeinsamen Lebens im Kreis 5", erklärt Regisseur Boris Pfeiffer. Der Schauspieler Andreas Kraemer verkörpert im 70-minütigen Einpersonenstück gleich acht verschiedene Personen. "Wir haben einige Lebensgeschichten dieser Bewohner fiktiv miteinander verwoben und samt Lieder in Szene gesetzt", so Kraemer. Die Premiere findet am Freitag im Schiffbau statt.

Markus Fleischli
Ausgabe-Nr. 222, 24.09.2001, Ressort Feuilleton

 

Café Krematorium 4

 

Glanzvolles "Theater von unten"

 

Bühne/ Im Zürcher Schiffbau brachte Andreas Kraemer, Ensemble-Mitglied des Schauspielhauses, die literarisch-musikalische Collage "Café Krematorium" zur Uraufführung.

 

Charles Linsmayer

Wenn ein Theaterstück "Café Krematorium" heisst und die Textgrundlage ein amateurhaftes Erinnerungsbuch ist, in dem Senioren aus dem Zürcher Stadtkreis 5 unter dem Titel "So zogen die Jahre dahin" ihr Leben darstellen, reicht selbst das Faszinosum Schiffbau nicht aus, um mehr als drei Dutzend Unentwegte in den bunkerartig-nüchternen Raum der Probebühne 4 zu locken.

Aber "Café Krematorium", in Szene gesetzt von Boris Pfeiffer und im Alleingang realisiert von Andreas Krämer, Ensemble-Mitglied des Schauspielhauses Zürich, ist mit Sicherheit etwas vom Pfiffigsten und Anrührendsten, was in den letzten Jahren in der Schweiz an Einmann-Shows und Monotheater zu sehen war. Mit umwerfendem pantomimischem Können, als Sänger von stupender Variabilität, als Pianist, Gitarrist und Handorgelspieler von Temperament und Begabung, als Stimm- und Wortkünstler von seltenem Talent und als Satiriker von abgründiger Perfidie haucht Krämer, blitzschnell von Figur zu Figur wechselnd, einer Gruppe von Menschen, die alle irgendwie mit einer jüngst verstorbenen Frau namens Lilian Loosli in Beziehung stehen, sprühend-vitales, unmittelbar plausibles Leben ein. Ohne einen Schimmer von Zynismus, aber mit sensiblem Einfühlungsvermögen und heiterem, niemals plumpem Humor.

 

Im Schatten des Todes

 

Nach einem fulminanten musikalischen Einstieg mit dem schrägen Chanson "Ich bin ein kleines Zimmer" preist Kraemer vom Klavier herab als städtischer Heiztechniker mit hintergründiger Emphase und makaberem Pathos die Vorzüge der Feuerbestattung an und stellt so den ganzen, siebzig Minuten dauernden Abend unter das Zeichen einer sanft ironisierten Fatalität und Morbidität. Nicht Larmoyanz und Betrüblichkeit dominieren dann aber: was einem da präsentiert wird, ist ein fröhlich-satirisches Fest des Lebens im Schatten des Todes. Besondere Highlights sind dabei die Auftritte der poetischen Hobbygärtnerin Esthi und der bigotten Zwillingsschwestern Hanni und Fridi, das Coming-out von Lilians Lebenspartner Gigi, der plötzlich das Lied vom "Tschitschi von Arosa" losschmettert, und die Beichte von Lilians Exmann Felix, der vom Leben eines alleinstehenden SBB-Beamten mit drei Kindern schwadroniert und dabei am Klavier auf umwerfende Weise "Es ist ein Schnitter, der heisst Tod" intoniert. Hinreissend dann aber auch der "unsichere Kantonist" Rolf, der zornentbrannt mit dem "Gott da oben" hadert, am Ende unversehens in eine baseldeutsche Variante von Burkhards "Mis Dach isch de Himmel vo Züri" verfallt und handorgelspielend abzieht, nachdem zuvor wie in einem Sampler nochmals kurz alle Figuren wieder auferstanden sind. All das funktioniert mit ein paar wenigen Requisiten, zwei drei Hüten, zwei Mänteln und einer Brille, und wenn z.B. Lilians Tochter Claudia auftritt, genügt eine farbige Halskette, um aus dem Schauspieler mit den feurigen, stechenden Augen und dem eigenwilligen Charakterkopf auf Anhieb eine zickige junge Göre zu machen. Wenn es je gelungen ist, "Theater von unten" zu schaffen, d.h. irgendwelche zufälligen Menschen aus dem Quartier, von der Strasse oder aus dem Altersheim auf die Bühne zu zaubern, ihnen mittels Humor, Satire und Schauspielkunst eine Seele und eine Physiognomie zu geben und so aus der Banalität und Trivialität ihres Alltags und ihres Schicksals etwas berührend Menschliches, ja Allgemeingültiges herauszufiltern - dann in dieser virtuos komponierten und brillant umgesetzten szenisch-musikalischen Collage, die am Ende vom Publikum frenetisch gefeiert wurde.



Café Krematorium 5

Tulpenzwiebelglück

 

"Café Krematorium", die Kreis-5-Abdankung im Schiffbau

 

Wie ein Irrwisch bespringt Andreas Krämer das Klavier, bearbeitet es wie einen Nudelteig, und alle Nachdenklichkeit ist perdu. "Café Krematorium", eine Revue aus dem und über den Zürcher Stadtkreis 5, versammelt sein Publikum zum Anlass einer Einäscherung zwar in einer Mischung aus Abdankungshalle und Quartierbeiz. Doch Besinnlichkeit soll nicht aufkommen, dafür sorgt Ensemblemitglied Krämer, ein Theater-Donnerer vor dem Herrn. Mit der Angst des Alleinunterhalters vor der Stille fegt er alle Halbtöne von den Tasten, aus dem Abend - und uns, den Trauergästen, vor die Füsse. Und die leiseren, differenzierten Regieangebote von Boris Pfeiffer (Grips Theater, Berlin) hinterher.

 

Neben der Maggiwürze, dem Bierkrug und der Kaffeetasse steht das Bild der Toten, deren Leben in der Erinnerung der Hinterbliebenen ein Gesicht bekommen soll. "Café Krematorium", die sehr freie Dramatisierung von Textbeiträgen in einer Publikation von Bewohnern und Bewohnerinnen aus dem Kreis 5, hätte alle Voraussetzungen einer ethnographischen Bühnenperle. Es bietet das Fleisch wahrer Lebensgeschichten auf den Knochen eines spezifischen, aussterbenden (Arbeiter-)Milieus. Es verhandelt das Hier und das Heute, wobei Zürich ebenso glaubwürdig anderswie heissen könnte. Aus den Erzählungen der Figuren fallen Stichworte wie "Schrebergarten" oder "Heimweh" (der Bergler in der Stadt); das Glück ist eine Tulpenzwiebel, die vielleicht blüht, vielleicht fault, Hoffnung heisst "Kontaktanzeige", "Generalabonnement" oder ganz einfach nur "Gesundheit". - Andreas Krämer, der mit Boris Pfeiffer schon mehrfach zusammengearbeitet hat (in Zürich "Shake'n Shakespeare"), mag sich nicht auf sein Talent als Schauspieler verlassen, der dem Panoptikum der Figuren seine Durchlässigkeit zur Verfügung stellt. Krämer nämlich koexistiert als Sänger, Conferencier und würzt musikalisch nach mit Helvetischem von A ("Gigi von Arosa") bis Z ("Mis Dach isch de Himmel vu Züri"). Dass da einer viel kann, ist nicht zu übersehen; dass da einer viel will, leider auch nicht.

 

Daniele Muscionico

 

Neue Zürcher Zeitung, Ressort Zürcher Kultur, 24.September 2001, Nr.221, Seite 38

 

Zürcher Kultur

 

 

Totenbeinli knabbern bei Looslis

 

Im "Café Krematorium" wird das Leben und Sterben im zürcherischen Stadtkreis 5 liebevoll unter die Lupe genommen.

 

Von Charlotte Staehelin

 

Keine teuren hellen Lofts, kein Falaffelstand, keine Szenebar und auch kein einziger Musikclub finden an diesem Abend Platz auf der Bühne. An Stelle von Techno erklingen Schlager und Kinderlieder, junge Designermode wird von gestrickten Westen und geflochtenen Hüten verdrängt, und doch wurzelt das gespielte Geschehen tief im Kreis 5, dem ehemaligen Industriequartier von Zürich. Unter der Leitung des Berliner Regisseurs Boris Pfeiffer schaut der Schweizer Schauspieler und Musiker Andreas Krämer in "Café Krematorium", einer Koproduktion des Schauspielhauses mit dem sogar theater, eine paar Jahrzehnte zurück, erzählt erlebte Geschichten aus dem Kreis 5.

 

Es sind alle so nett

 

Der Angelpunkt des Geschehens ist Lilian Loosli, die auf einem Gemeindeausflug unerwartet verstorben ist und deren Beerdigung für einige Trauergäste Anlass ist, ihre eigenen Leben zu überdenken. Das Porträt von Lilian Loosli, einer streng blickenden Dame mit hochgeschlossenem Kleid und Fönfrisur, thront in der Mitte des Raumes auf einem Holztisch; in wechselnden Rollen versammelt Andreas Krämer daneben ihr Umfeld zum letzten Abschied.

 

Die Figuren sind alle wohlmeinend, nett und liebenswürdig, es geht ihnen gut, sie sind froh und dankbar, wollen aus allem das Beste machen, nehmen die Dinge, wie sie kommen, aber man glaubt ihnen kein Wort. Krämers Blick entlarvt alles Glück- und Zufriedenheitsgerede. Dieser suchende Blick, der verloren durch den Raum irrt, plötzlich stechend scharf ein Ziel fokussiert, dann wieder in eine dumpfe Leere absinkt, begleitet alle Figuren. Ob nun der ehemalige Ehemann pedantisch mit einem Zahnstocher die Löcher in den Salz- und Pfefferstreuern entstopft, ob die Tochter Claudia mit ihrer bunten Glasperlenkette das Bild der Mutter umarmt, oder ob Frau Moser, die Lilian Looslis Schrebergarten übernommen hat, ihre gelbe Plastiktulpe giesst, immer flackert ein Quäntchen Irrsinn in ihren Blicken auf und verzerrt die Geschichten.

 

Unter der biederen Fassade von Rechtschaffenheit und Fleiss stecken Ängste und Verunsicherungen, die das Duo Pfeiffer und Krämer präzis diagnostiziert und treffend umsetzt. Neben den Augen verraten fein gesetzte, aber klare Bewegungen, etwa ein nervöses Trommeln mit den Fingern oder ein verlegenes Fusswippen, die inneren Spannungen und Krämpfe der Figuren. Der moderne Kreis 5 lässt grüssen, auch ohne Bar und Klub.

 


Über die Auswirkungen der Theaterarbeit von Boris Pfeiffer
am sogar Theater Zürich:

"Überweisung des Stadtrates an den Gemeinderat der Stadt Zürich" (als PDF)


Café Krematorium Zürich


Das Stück ist zu beziehen bei: Boris Pfeiffer


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