Theater
         
 

 

Immer, wenn das Licht angeht

«Das ist eine Elbsegler-Mütze»: Andreas Krämer zieht mit seinen Zuhörern versoffen durch nächtliche Hafenkneipen.

Bleibt man auf Distanz oder gibt man sich dem Herzschmerz hin? Andreas Krämer lässt dem Zuschauer die Wahl. Der Bühnenmusiker vertont auf lustige Art das Schweizer Telefonbuch, singt aber vor allem tieftraurige Liebeslieder.

Immer, wenn das Licht angeht

Bild: Michel Canonica

 

ROGER BERHALTER

«Wenn's Ihnen nicht gefallen hat, dann empfehlen Sie's Ihrem ärgsten Feind», sagt Andreas Krämer zum Abschied. «Aber bitte empfehlen Sie's weiter!» Diesem Aufruf folgen wir hiermit gern. Denn Andreas Krämer hat mehr Publikum verdient, als am Mittwochabend in die Kellerbühne gekommen ist. Virtuos spielt der gebürtige Basler mehrere Instrumente – manchmal auch gleichzeitig – und singt dazu in präzisem Bühnendeutsch. Da stimmt jede Nuance, jeder Satz, jeder Gesichtsausdruck. Beeindruckend, mit welcher Präsenz der Musiker die Bühne beherrscht. Mit Klavier, Akkordeon, Ukulele und zwei Gebläseorgeln aus den 1950ern nimmt er die Zuhörer mit auf eine musikalische Reise durch die Nacht. Der Alltag kann warten, «Komm morgen wieder, Wirklichkeit» heisst das neue Soloprogramm.

Gutgeschulte Stimme

Schon nach wenigen Liedzeilen hängt man dem 49-Jährigen an den Lippen. Dieses gurrende R, dieser sonore Klang, und jede Silbe ist glasklar und auch ohne Mikrofon verständlich. Krämer schauspielert schon seit 1986 für Film und Theater und wird auch gerne als Radio- und Hörbuchsprecher gebucht. Mit seiner Stimme könnte er auch nur das Telefonbuch vorlesen, man würde ihm trotzdem zuhören.

Und tatsächlich greift er in seinem neuen Programm ins Telefonbuch und pickt sich ein paar Sätze aus dem Vorwort heraus. Er fügt sie meisterlich zu einem Medley in vier Landessprachen zusammen: Zuerst singt er deutsch zu Richard-Wagner-Harmonien, dann französisch-überbordend in Moll mit schnarrender Chansonstimme, dann italienisch-verspielt wie ein Schnulzensänger und zum Schluss rätoromanisch mit Muhen und Kuhglocken. All das packt Krämer in eine vierminütige Nummer, und die Lacher sind ihm sicher.

Ein Leben ohne Cordula

Der Abend ist aber nur stellenweise lustig und über weite Strecken tieftraurig und berührend. «Todtraurige Liebeslieder» kündet Krämer schon am Anfang an. Lieder, die «so richtig in den Keller gehen». Lieder von früher, mit denen er Frauen verherrlichte, deren Namen er heute gar nicht mehr weiss. «Ich dachte immer, ein Leben ohne dich hätte keinen Sinn», singt Krämer. Im Wissen, dass es heute auch ein Leben ohne Cordula gibt. Oder war es Sibylle? Der 49-Jährige schwärmt in seinen Chansons liebestrunken, blickt sehnsüchtig aus seinen blau-grünen «Gletscheraugen», wie er sie selbst nennt, oder setzt die Seglermütze auf, nimmt das Akkordeon zur Hand und zieht mit den Zuhörern versoffen durch die nächtlichen Hafenkneipen: «Wir sitzen da, wir trinken still, wir greifen nach dem Leben.»

Ein Abend mit Krämer ist Poesie, ist Lachen und Weinen, Glückseligkeit und Herzschmerz, Oberfläche und Tiefgang. Der 49-Jährige wechselt rasant und routiniert zwischen Gesungenem und Gesprochenem und schafft dabei auch die krassesten Übergänge: Von der deprimierenden Schriftstellerei zum heiteren Schlagertext, von der poetischen Liebeserklärung («Hab nur dich als Stern mitsamt dem All geschaut») zur Wasserpistole, die er gegen Tauben einsetzt.

Dem Zuschauer bleibt die Wahl

Krämer erschafft (zusammen mit seinem Mit-Texter Boris Pfeiffer) starke Bilder und findet auch für Kompliziertes einfache Worte. «Ich beschwöre das kleine Kino im Kopf eines jeden Zuschauers herauf, will unter die Haut, zur Seele hin», sagt er selber über sein neues Programm.

Doch er zwingt dem Publikum nichts auf und warnt es jeweils mit Anknipsen einer roten Herzlampe, wenn es allzu sehr um Liebe und Sehnsucht geht. «Immer wenn die Lampe angeht, müssen Sie sich entscheiden.» Hört man aus ironischer Distanz zu oder gibt man sich dem persönlichem Herzschmerz hin? Es sei hiermit empfohlen, zumindest einmal an diesem Abend das Türchen zur Seele zu öffnen.



http://www.tagblatt.ch/aktuell/kultur/tb-sk/Immer-wenn-das-Licht-angeht;art188,3269906



 

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