Theater
         
 

Krach im Bällebad

Ein Mädchen – ein Junge: Während die Eltern einkaufen, treffen die beiden im Kinderparadies eines Kaufhauses aufeinander. Deutsch sprechen sowohl er als auch sie nur schlecht (»ja, nein, stopp, Pippi, doof«), aber auch mit wenigen Worten können die Beiden ihr Terrain behaupten, den anderen in Frage stellen, sich bekämpfen und einander näher kommen. Sie liebt hübsche Kleider und ihre Barbie, er schießt als Zwangsmotoriker mit seinem Fußball ihre »Wohnung« kaputt. Doch nach und nach verlieren die »Tusse« und der »Angeber« ihre Rollen aus dem Blick. Eine Welt wird eingerissen, eine neue ausprobiert und die Geschichte beginnt von vorn: Ein Junge – ein Mädchen, zwei im Paradies …

Das Kinderstück "Krach im Bällebad" von Ilona Schulz und Boris Pfeiffer in der Inszenierung von Rüdiger Wandel am Berliner Grips Theater ist für den IKARUS 2011 nominiert worden.

 

Mit Händen und Füßen:

„Krach im Bällebad“ im Grips-Theater
Sie erledigt die Einkäufe. Er will Fußball spielen. Sie tröstet die Puppe. Er ringt die Riesenraupe nieder. Sie baut ihr Traumschloss in der Torwand. Er schießt es kaputt. Klar, Frauen und Männer haben Kommunikationsprobleme. Aber sind die Unterschiede schon in die Wiege gelegt? „Krach im Bällebad“ heißt die jüngste Produktion des Grips-Theaters für Menschen ab fünf (wieder am 21., 22., 24. und 27. Oktober, Grips-Mitte). Sie spürt sehr charmant der Frage nach, ob ein Miteinander von Mädchen und Jungs möglich ist. Das Stück stammt von Ilona Schulz und Boris Pfeiffer, inszeniert hat es Rüdiger Wandel, womit das Erfolgsteam von „Wehr dich, Mathilda“ vereint wäre.

„Krach im Bällebad“ erzählt von Rosa (Nina Reithmeier) und Boris (Jens Mondalski), die im Spieleparadies eines Einkaufszentrums aufeinandertreffen. Sie sprechen nicht dieselbe Sprache – sie italienisch, er russisch – weswegen sie sich mit Händen und Füßen verständigen. Was die Querelen einerseits ins Komisch-Pantomimische überspitzt, und dem Geschlechterzwist der Kinder zugleich einen universellen Kick gibt. Text, Inszenierung und die sehr guten Spieler führen die Rollen-Klischees dabei immer wieder munter ad absurdum: Etwa, wenn Boris sich aufs Vater-Mutter-Kind-Spiel einlässt, und Mama Rosa ihn mit den Kindern sitzen lässt, weil sie als Fotomodell arbeitet. Am Ende aber steht ein Bild des Austauschs. Da schlüpfen die Kinder zwar nicht in die Haut, aber doch in die Kleider des anderen. Patrick Wildermann

http://www.tagesspiegel.de/


 

"Krach im Bällebad" von Boris Pfeiffer und Ilona schulz feierte eine neue Premiere im Theater am Schlachthoff in Neuss. Geschlechterkampf im Spielparadies „Krach im Bällebad“, aus der Feder von Ilona Schulz und Boris Pfeiffer, ist in erster Linie ein Stück über das Thema Geschlechterrollen im Kindesalter. Gleichzeitig versucht es, Antworten auf die Frage zu finden, was passiert, wenn zwei sehr verschiedene Menschen aufeinander treffen. „Wir wollen das Thema allerdings ohne erhobenen Zeigefinger behandeln, die Kinder sollen vor allem Spaß haben und sich gut unterhalten“, sagt Regisseur Dennis Palmen. Das Stück ist mit einer Dauer von 40 Minuten auch an die Aufmerksamkeits-Spanne von kleineren Kindern angepasst. „Wir haben gemerkt, dass Kinder bei längeren Stücken etwas unruhig werden“, sagt Palmen.

http://www.wz-newsline.de/lokales/rhein-kreis-neuss/neuss/geschlechterkampf-im-spielparadies-1.876315

 

Aus der Begründung der Jury:

Barbiepuppe oder Fußball? Vater-Mutter-Kind oder Torwandschießen? Rosa oder blau? Doch, wozu braucht man diese Gegensätze eigentlich? „Krach im Bällebad“ verhandelt auf humorvolle und spielerische Weise geschlechterspezifische Verhaltensweisen. Nach circa einer Stunde kommt die Inszenierung gemeinsam mit dem Publikum zu dem Schluss, dass diese Verhaltensweisen lediglich eingeübte Rollen sind, die sich ablegen und wechseln lassen, ganz dem jeweiligen Temperament entsprechend. Die babylonische Sprachverwirrung kommt dabei dieser mit großer Leichtigkeit inszenierten Lektion nur zugute. Mit Händen und Füßen und energievollem Körpereinsatz gestikulieren und jagen sich die beiden Schauspieler durch das Kinderparadies und zeigen, wie spielend leicht es sein kann, einander zu verstehen.

http://www.jugendkulturservice.de/ger/bilder/pdfs/ikarusheft-2011.pdf


Am 6. Oktober 2010 feiert "Krach im Bällebad!" am Berliner Grips-Theater Premiere.

Mehr dazu: http://grips-theater.de/reroute?page=repertoire.baellebad

 

 

Publikumsstimmen und Theaterkritiken :

Eine Kritik von Pitt Hermann

 

Dass Kinderparadies der Tanea-Einkaufswelt, das Tom Presting ins Podewil an der Klosterstraße, dem Grips-Standort in Berlin-Mitte, gestellt hat, kann sich sehen lassen: Links ein kleines Zelt neben einer Torwand, die anders als im TV-Sportstudio auch noch über ein richtiges Fangnetz verfügt, dann eine kleine Schaukel mit Baldachin und allerhand Krimskrams zum Auspacken und Spielen in den Regalen, vorn Würfel und Pilze als Hocker, rechts unzählige kleine Bälle in einem bassinartigen Behälter, in den die Kinder von einem Sprungturm eintauchen können als sei er mit Wasser gefüllt. Ein Bällebad eben.

Keine schlechte Ausstattung für einen dem Kommerz und nur ihm verpflichteten Einkaufstempel unserer Tage, aber so ganz uneigennützig nun auch wieder nicht. Ganz abgesehen von der grundsätzlichen Überlegung, dass Eltern beim stresslosen Einkauf ohne mäkelnden Nachwuchs tiefer in die Tasche greifen beim Gute-Laune-Shopping: Ein Miniatur-Einkaufswagen mit dem Tanea-Logo lässt die künftige Kundschaft schon ’mal üben, wie das geht beim psychologisch ausgetüftelten „Nimm mich!“- Spiel.

Jedenfalls beim weiblichen Teil wie die Probe aufs Exempel zeigt: Rosa (von Null auf Hundert mit Überschlag: das Energiebündel Nina Reithmeier mit frappanter Bühnenpräsenz), soeben vom einkaufswilligen Papa im Kinderparadies abgestellt samt rosafarbenem Trolley mit ihren Lieblings-Barbies, hat sich kaum der Straßenschuhe entledigt und ins knallbunte Bällebad-Vergnügen gestürzt, als ihr das silbrigglänzenden Wägelchen mit dem Dreiecks-Fähnchen des Center-Betreibers ins Auge sticht. Und sie sich selbst auf Einkaufstour begibt für ihre mitgebrachte Großfamilie, die für die nächste Zeit im wahren Wortsinn die Zelte im Fußball-Tor aufschlägt unter sternenblauer Märchenhimmel-Decke.

Als Rosa ’mal eben für kleine Mädchen verschwindet, entert krakeelender, weil ganz und gar widerwilliger Neuzugang das Kinderparadies in Person von Boris (großartiger langer Lulatsch: ein jenseits aller Klischees sehr souveräner Jens Mondalski als idealer, weil gleichgewichtiger Bühnenpartner Nina Reithmeiers): Bällebad statt Swimmingpool – kaka! Doch dann, ganz oben auf dem Sprungturm, schlottern dem Großmaul die Knie – und es schreit nach Mama!

Die ist längst über alle Berge in der Shopping-Mall verschwunden, während Rosa sich über einen Spielkameraden freut, der endlich den bisher noch unbesetzten Vater-Part im Spiel mit ihren Barbies übernehmen kann. Aber wie miteinander spielen, wenn man nicht dieselbe Sprache spricht? Was im konkreten, beide Kinder artikulieren sich in einer unterschiedlichen Fantasie-Sprache, die ’mal dem Italienischen, ’mal dem Russischen verwandt erscheint, aber auch im übertragenen Sinn gemeint ist. Denn Boris denkt gar nicht daran, seinen unbändigen Bewegungsdrang an blöden Puppen auszutoben, er funktioniert lieber den Marienkäfer zum Motorrad und die Schlange zum Surfboard um. Als er die Torwand unter Rosas Sternenhimmel entdeckt, ist Boris gar nicht mehr zu bremsen...

In ihrem in der so flotten wie pantomimisch-clownesken Grips-Inszenierung Rüdiger Wandels knapp einstündigen Theaterstück für Erst- bis Drittklässler und alle ab fünf Jahren werfen Ilona Schulz und Boris Pfeifer die Frage auf: Was passiert, wenn zwei durch Geschlecht und Sprache einander fremde Kinder aufeinander treffen? Wie können sie ihre Sprachlosigkeit überwinden und ihre eigenen Interessen mit denen des anderen so verbinden, dass nicht jeder in der Schmollecke des Unverstandenen hocken bleibt? Und wie kann man sich wieder vertragen, wenn einmal ein unüberlegtes Wort gefallen ist? Denn eines ist Rosa und Boris bald klar: Das Spielen zu zweit macht einfach mehr Spaß – und so „doof“ ist der andere, nur weil er anders tickt, gar nicht.

„Krach im Böllebad“ ist ein längst überfälliges Stück zu einer längst überfälligen Debatte über Geschlechterrollen im frühesten Kindesalter – ein Thema, dass aufgrund des krassen Frauen-Überschusses in der Vorschul-Erziehung hochgekocht ist. Naturgemäß will auch bei Ilona Schulz und Boris Pfeiffer Rosa Fotomodell werden und Boris Fußballheld. Aber wir sind im Grips-Theater, und da wird traditionell mit (Rollen-) Klischees äußerst spielerisch umgegangen. Wie mit der Sprache - und der Musik, wofür hier Bettina Koch verantwortlich zeichnet. Aus Rosa wird, Fußball-WM im eigenen Land hin oder her, noch lange keine Kickerin und aus Boris keine Puppenfee, obwohl letzterer sich durchaus mit dem Tütü-Fummel um seine Hüften anfreunden könnte - temporär und anlassbezogen, also ausnahmsweise.

Pitt Herrmann

http://www.sn-herne.de/index.php?cmd=article&aid=3373

 

 

 

Wenn ein Fußball direkt im Feenzelt landet, dann kracht es Montag,

11. Oktober 2010 03:02 - Von Ulrike Borowczyk

Rosa kann ihren Vater gar nicht schnell genug loswerden, um sich endlich im Kinderparadies eines Kaufhauses auszutoben.

Ein Sprung ins Bällebad steht an erster Stelle, dann folgt eine ausgiebige Shopping-Tour durch das riesige Spielzimmer, bevor Rosa das Fußballtor in einen verwunschenen Feenwohnsitz für sich und ihre fünf Barbiepuppen verwandelt, um sich dort häuslich niederzulassen.

 

Boris hingegen mag sich gar nicht von seiner Mutter trennen und das Biene-Maja-Bällchen-Paradies interessiert ihn überhaupt nicht. Fußballspielen, dribbeln wie Basti Schweinsteiger, das wäre schon eher was. Kick it like Boris! Leider landet sein Elfmeter ausgerechnet in Rosas Feenzelt. Der Zoff ist gewaltig. Doch der Junge und das Mädchen haben dabei ziemliche Kommunikationsprobleme, denn Boris spricht russisch und Rosa italienisch.

 

Wie zwei Kinder trotz aller Hindernisse ihren Streit beilegen und binnen kürzester Zeit Freunde werden, erzählt das Theaterstück "Krach im Bällebad" (ab 5) der ehemaligen Grips-Schauspielerin Ilona Schulz und des Kinderbuchautors Boris Pfeiffer. Rüdiger Wandel hat die stürmische Annäherung knallbunt mit viel Tempo und Pfiff im Grips Mitte inszeniert.

 

Dass sich zwei Kinder nicht unbedingt auf Anhieb verständigen können, ist nichts Neues. Wie es Rosa (Nina Reithmeier) und Boris (Jens Mondalski) dennoch mit viel Fantasie gelingt, sich zu unterhalten und zu verstehen, ist so spaßig wie sehenswert. Rosa drängt Boris in die Papa-Rolle für ihre Barbie-Schar, er hingegen stellt die Puppen als Nationalmannschaft auf. Jungen spielen anders als Mädchen. Deshalb ist der nächste Krach immer nur eine Millisekunde entfernt. Die Sprachbarrieren hingegen sind viel leichter zu überwinden: Mit einem Lied und einer tröstenden Hand.

 

Grips Mitte , Klosterstraße 68, Mitte. Tel. 39 74 74 77.

 

http://www.morgenpost.de/printarchiv/kultur/article1419921/Wenn-ein-Fussball-direkt-im-Feenzelt-landet-dann-kracht-es.html


 

Mit Händen und Füßen: „Krach im Bällebad“ im Grips-Theater* Sie erledigt die Einkäufe. Er will Fußball spielen. Sie tröstet die Puppe. Er ringt die Riesenraupe nieder. Sie baut ihr Traumschloss in der Torwand. Er schießt es kaputt. Klar, Frauen und Männer haben Kommunikationsprobleme. Aber sind die Unterschiede schon in die Wiege gelegt? „Krach im Bällebad“ heißt die jüngste Produktion des Grips-Theaters für Menschen ab fünf. Sie spürt sehr charmant der Frage nach, ob ein Miteinander von Mädchen und Jungs möglich ist. Das Stück stammt von Ilona Schulz und Boris Pfeiffer, inszeniert hat es Rüdiger Wandel, womit das Erfolgsteam von „Wehr dich, Mathilda“ vereint wäre.

 

„Krach im Bällebad“ erzählt von Rosa (Nina Reithmeier) und Boris (Jens Mondalski), die im Spieleparadies eines Einkaufszentrums aufeinandertreffen. Sie sprechen nicht dieselbe Sprache – sie italienisch, er russisch – weswegen sie sich mit Händen und Füßen verständigen. Was die Querelen einerseits ins Komisch-Pantomimische überspitzt, und dem Geschlechterzwist der Kinder zugleich einen universellen Kick gibt. Text, Inszenierung und die sehr guten Spieler führen die Rollen-Klischees dabei immer wieder munter ad absurdum: Etwa, wenn Boris sich aufs Vater-Mutter-Kind-Spiel einlässt, und Mama Rosa ihn mit den Kindern sitzen lässt, weil sie als Fotomodell arbeitet. Am Ende aber steht ein Bild des Austauschs. Da schlüpfen die Kinder zwar nicht in die Haut, aber doch in die Kleider des anderen. / Patrick Wildermann/

http://www.tagesspiegel.de/kultur/kurz-und-kritisch/1957326.html


Theaterkritik
Wenn ein Fußball direkt im Feenzelt landet, dann kracht es
Montag, 11. Oktober 2010 03:02 - Von Ulrike Borowczyk

Rosa kann ihren Vater gar nicht schnell genug loswerden, um sich endlich im Kinderparadies eines Kaufhauses auszutoben. Ein Sprung ins Bällebad steht an erster Stelle, dann folgt eine ausgiebige Shopping-Tour durch das riesige Spielzimmer, bevor Rosa das Fußballtor in einen verwunschenen Feenwohnsitz für sich und ihre fünf Barbiepuppen verwandelt, um sich dort häuslich niederzulassen.
Boris hingegen mag sich gar nicht von seiner Mutter trennen und das Biene-Maja-Bällchen-Paradies interessiert ihn überhaupt nicht. Fußballspielen, dribbeln wie Basti Schweinsteiger, das wäre schon eher was. Kick it like Boris! Leider landet sein Elfmeter ausgerechnet in Rosas Feenzelt. Der Zoff ist gewaltig. Doch der Junge und das Mädchen haben dabei ziemliche Kommunikationsprobleme, denn Boris spricht russisch und Rosa italienisch.
Wie zwei Kinder trotz aller Hindernisse ihren Streit beilegen und binnen kürzester Zeit Freunde werden, erzählt das Theaterstück "Krach im Bällebad" (ab 5) der ehemaligen Grips-Schauspielerin Ilona Schulz und des Kinderbuchautors Boris Pfeiffer. Rüdiger Wandel hat die stürmische Annäherung knallbunt mit viel Tempo und Pfiff im Grips Mitte inszeniert.
Dass sich zwei Kinder nicht unbedingt auf Anhieb verständigen können, ist nichts Neues. Wie es Rosa (Nina Reithmeier) und Boris (Jens Mondalski) dennoch mit viel Fantasie gelingt, sich zu unterhalten und zu verstehen, ist so spaßig wie sehenswert. Rosa drängt Boris in die Papa-Rolle für ihre Barbie-Schar, er hingegen stellt die Puppen als Nationalmannschaft auf. Jungen spielen anders als Mädchen. Deshalb ist der nächste Krach immer nur eine Millisekunde entfernt. Die Sprachbarrieren hingegen sind viel leichter zu überwinden: Mit einem Lied und einer tröstenden Hand.

Grips Mitte, Klosterstraße 68, Mitte. Tel. 39 74 74 77.

http://www.morgenpost.de/printarchiv/kultur/article1419921/Wenn-ein-Fussball-direkt-
im-Feenzelt-landet-dann-kracht-es.html

 


Nicht nur für Mädchen
Sonderangebote spielerisch überwinden:
eine Uraufführung am Grips Theater in Berlin

Von Anja Röhl

Nacheinander werden zwei Kinder in der Spielecke eines Kaufhauses abgegeben. Sehr bunte Sitzkissentiere gibt es hier, ein rosa Puppenzelt und ein Fußballtor, eine Schaukel mit Baldachin, einen Korb zum Verkleiden und ein Bällebad. Allein das Spiel mit diesen Utensilien ist den Theaterbesuch am Mittwoch wert gewesen. Uraufgeführt wurde am Grips in Berlin das Stück »Krach im Bällebad«von Ilona Schulz und Boris Pfeiffer. Regie führte Rüdiger Wande. Es handelt sich um eine Einführung ins Wesen des kindlichen Spiels, kurzer Lehrgang. So etwas kriegt man als Erwachsener selten geboten.

Aber von vorn: Zuerst kommt das Mädchen auf die Bühne. Rosa wird es gerufen, in einer unverständlichen, ans Italienische angelehnten Phantasiesprache. Schüchtern und neugierig schaut es sich um, erkundet zaghaft die Spielsachen, während eine Stimme aus dem Off ertönt: »Kaufen sie … Sonderangebot … Schweinegulasch«. Das Mädchen springt mit Schmackes ins Bällebad (»10 m« steht auf der Absprungstufe), entdeckt einen Einkaufswagen und kopiert erwachsenes Einkaufen. Die Kinder in den ersten sechs Reihen kreischen vor Vergnügen. Jede Kleinigkeit reizt sie zum Lachen. Rosa flicht in ihr Einkaufs-, Verkleidungs-, Ausprobierspiel einzelne Wörter der Off-Stimme. Deutlich wird, daß sie deren Inhalt nicht versteht. Auch das ist herrlich komisch. Nach einigen mädchentypischen Rollen – Sängerin, TV-Star mit rosa Engelsflügeln – verschwindet sie aufs Mädchenklo, und ein Junge tritt auf.

Boris will sich nicht von der Mutter trennen, quengelt, findet alles blöd, unterm Arm klemmt sein Fußball. Seine Phantasiesprache klingt russisch, sein großspuriges Verhalten ist mit Angst vermischt. Die Kinder lachen über jede Bewegung, aber ohne Schadenfreude; sie erkennen etwas wieder, und das ist jedes Mal eine kleine Überraschung. Die Choreographie, die Jens Modalski auf der Stufe des Bällebads zeigt, von der er sich nicht zu springen traut, bringt den Saal zum Toben. Danach sitzt er auf einem Marienkäfer und spielt Auto: »Kavoka«. Sein Gesicht bei diesen tollkühnen Fahrten – man hat es tausendmal gesehen, so spielen Jungs Auto. So üben sie es ein, den Rollenerwartungen zu entsprechen.

Als Rosa zurückkommt, fragen beide »Häh?«, »Häh?« und »Häh?«, strecken die Zungen raus; und sie verzieht sich in die Puppenküche, während er eine überlebensgroße, mit Watte gefüllte Raupe verprügelt. Sie kommt mit einem Baby auf dem Arm aus dem Zelt, er spielt Kämpfen, dann einen schwer tragenden Mann. Ab und an bewegen sich beide wie zufällig aufeinander zu. Als er mit seinem ersten Schuß aufs Fußballtor sie schmerzhaft trifft, zwingt sie ihn wutentbrannt zum Aufräumen, erklärt ihn zum Papa, geht als Mutter und »Fotomodella« einkaufen.

Allein spielt er mit Puppen, bis die »Mama« zurückkommt, und aus dem Ball in der Tasche ein Hund an der Leine geworden ist. Sie spielen gemeinsam, schließlich ganz ohne Requisiten. Erste Berührungen kommen zustande, Verständnis bahnt sich an. Die Entwicklung retardiert, als der Junge Fußball spielen will. Nach Kämpfen fehlt ihrer Puppe durch seine Schuld der Kopf. Sie rächt sich fürchterlich, zersticht den Fußball. Er weint. Das ist kein Erwachsenenweinen, das Kinderweinen hämisch zum »Heulen« verzerrt, keine Spur Lächerlichmachen kindlichen Gefühls, einfach nur Weinen, mit Schniefen und Tränen abwischen, zusammengesunken sitzt er da und dauert alle. Das Publikum schweigt. Rosa kommt näher, repariert die Puppe und wundersamerweise auch den Ball, verkleidet sich dann als Junge. Zum Fußballspielen. Das muntert ihn auf. Wo das Loch im Ball war, hängt eine Schürze heraus und erinnert an das anfängliche Zungerausstrecken – beide lachen darüber. Er bindet sich etwas Rosanes um: Guckt jemand? Ist das nicht nur für Mädchen? Sie wird abgeholt, macht das verabredete Zusammenspielzeichen zum Abschied. Er schaut ins Publikum. Warum nicht?

Das Grips Theater steht für die Einfühlung in Kinderseelen und für die Überwindung angeblich biologisch bedingter Rollenvorgaben und unabänderlicher gesellschaftlicher »Gesetze«. Linkes Bewußtsein zu schaffen, ist ja keinesfalls nur Sache von Politikern. Am Grips geht es um die Befähigung zur Kritik im Kleinkindalter, gegen Manipulierung und Fernsteuerung, gegen die sich in Deutschland seit Jahren schon wieder so herrlich einnistende schwarze Pädagogik, und das mit Witz und Freude.

Das Grips bringt es fertig, daß man mit den Kindern lacht, nicht über sie. Das ist der große Unterschied zu den konventionellen Clownesken oder Märchenadaptionen in Einkaufs- und Spielelandschaften. Dort herrscht kindertümelnde Lustigkeit, die sich lustigmacht, nicht lustig ist, sondern oft für Erwachsene und Kinder gleichermaßen peinlich und langweilig. Das Grips hingegen verbindet Aufklärung, also Nachdenken, mit echtem Spaß und echtem Lachen.

08.10.2010 / Feuilleton / Seite 12

http://www.jungewelt.de/2010/10-08/016.php


 

 

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  One Night Stand  
 

One Night Stand

 
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