Theater
         
 
Liebster, ich spüre genau, daß ich wieder wahnsinnig werde ..."
Eine Virginia Woolf Soiree

Virginia Woof Soiree


Mit seiner "Virginia Woolf Soirée" erarbeitete das Theater der Freien Volksbühne eine gewagte Produktion. Besonders in einer letzten Spielzeit kann aber kein Wagnis zu groß sein.

Die Aufführung präsentiert kein Theaterstück im eigentlichen Sinn, sondern eine Collage aus "Texten von und über Virginia Woolf", zusammengestellt von Boris Pfeiffer. In der Regie von Werner Heinrichmöller wurden 25% der Texte aus dem Roman Die Wellen ausgewählt, der für mich einer der schwierigsten, wenn nicht der schwierigste Roman von Virginia Woolf ist. Hinzu kommen Exzerpte aus den posthum veröffentlichten autobiographischen Notizen, Augenblicke; aus Woolfs Tagebucheintragungen; aus je einem Zitat aus Mrs. Dalloway und aus Woolfs Drama Freshwater, a Comdey.
Textmaterial über Virginia Woolf stammt aus der Autobiographie ihres Mannes Leonard Woolf und aus einem Liebesbrief von Vita Sackville-West vom Januar 1926. Zwischen den teils gesprochenen, teils gespielten Textpassagen singt Stella Doufexis mit Aufmerksamkeit verdienender Mezzosopranstimme "vertonte Tagebuchaufzeichnungen". Bei ihrer Wiedergabe von Vita Sackville-Wests Brief zeigt Doufexis auch ihre schöne, melodiöse Sprechstimme.
Die Textauswahl aus Virginia Woolfs essayistischem und erzählerischem Werk hat mit wenig Ausnahmen das Wasser zum Motiv, und dieses Motiv wird durch das Bühnenbild weiter unterstrichen. Die haupt- Auf- und Abgänge für die vier darstellenden Mitwirkenden sind wellenförmige Laufstege. Die Entscheidung für diese Metapher aus Woolfs Werk zeigt -- retrospektiv -- automatisch die Richtung ihres Selbstmordes im Fluß Ouse im März 1941. Es scheint mir daher überflüssig, Zitate von Septimus Smith, Vetrean des 1. Weltkrieges im Roman Mrs. Dalloway, der unter einer Schützengrabenneurose litt und Selbstmord beging, miteinzubeziehen.
Allerdings ist es leicht, die Arbeit des Textzusammenstellens von außen zu beurteilen und jeder, der schon einmal eine Textauswahl hat treffen müssen, weiß ob der Angreifbarkeit der Auswahl. Es gibt kaum Leser, die sich bei der Lektüre von Textsammlungen nicht fragen, warum bei der Auswahl nun gerade dieser und nicht jeder Text gewählt wurde. Ich gebe zu, daß auch ich mir regelmäßig diese Frage stelle. So hätte ich gewiß andere Tagebuchstellen ausgewählt, hätte bestimmt nicht das Hauptgewicht auf Die Wellen gelegt, hätte zweifellos die Soirée mit der Verabschiedung Virginias beendet. Dennoch haben Heinrichmöller und Pfeiffer vielleicht auch deshalb eine Begegnung mit der Schriftstellerin hergestellt, die miterlebenswert ist. Nicht nur ist "ihre" Virginia Woolf dargestellt, es kann auch ein Dialog zwischen ihrer uns sozusagen meiner Virginia Woolf eingeleitet werden. Es ist zu betonen, daß diese Abendveranstaltung keine Einleitung oder Charakterisierung, sondern eine Begegnung mit mit Virginia Woolf ist -- eine Begegnung bei einem Theaterabend.
Virginia Woolf liebte Gesellschaften, Veranstaltungen, High Society, Parties.
Umso angebrachter ist es also, diesen Abend eine Virginia Woolf Soirée zu nennen. Wie bei anderen Abendgesellschaften finden auch hier nicht endenwollende Dialoge, Monologe, Zwiegespräche statt. Anette Daugardt, Barbara Stanek, Stefan Kolosko und Stefan Wieland wechseln ihre Rollen zwischen Virginia Woolf und ihrem Freundes- und Familienkreis und Woolfs Kreationen: so begegnen wir aus den Wellen Jinny, Rhoda, Louis und Bernard; aus Mrs Dalloway Septimus Warren Smith; aus dem Alltag Leonard Woolf, eine ältere und eine jüngere Virginia Woolf. Allerdings stört die jüngere, Virginia Stephens, ab und zu in ihrer Überkindlichkeit. Die Collage ist nicht chronologisch, aber diese Tatsache entspricht dem Wesen unseres Gedächtnisses und gibt Hinweise auf Woolfs Bewußtseinskunst, ihre "moments of being" und "moments of vision". Die Höhepunkte des Abends sind ein Sprechduett zwischen Anette Daugardt und Barbara Stanek, als sie gerade Virginia jung und Virginia alt verkörpersn, der Gesang Stella Doufexis von Dominick Argentos Vertonungen, begleitet von Axel Bauni am Klavier; und die überraschende und sehr effektvoll eingebaute O-Ton Virginia Woolf von einer BBC Rundfunkübertragung vom 29 April 1936. Virginia Woolf hat des Öfteren gesendet, aber dieses ist die einzige aufgenommene Übertragung und ist, laut ihres Neffen und Biographen Quentin Bell, eine schlechte Aufzeichnung, die nicht wiedergibt, wie schön ihre gesprochene Stimme wirklich war.
Nichtsdestotrotz war ich begeistert, Auszüge aus dieser Aufzeichnung, komplementiert durch durch Dias von Virginia Woolf zusammen mit ihrem Vater Leslie Stephens und ihrem Mann Leonard auf den durchsichtigen, welligen Vorhängen zu erleben. Diese duale Media Präsentation übernahm hervorragend die Funktion einer Pause, die bei einer Aufführungslänge von ca. 1 1/2 Stunden überflüssig und störend gewesen wäre. Zusammenfassend ist die Soirée in verschiedener Hinsicht eine bereichernde Veranstaltung: gutes Theater,
gute Musik, gutes Buch.
Die Zweisprachigkeit -- Vertonungen und O-Ton englisch, Texte deutsch -- stört nicht, ist sogar eine Erweiterung der Collage und der Multi-Media Aspekte und eines Haupt- und Weltstadttheaters würdig. Die zu einer Soirée passende Intimität wird durch den verkleinerten Zuschauerraum unterstützt. Ich würde diese Intimität wieder wählen und empfehle sie auch anderen Woolf Interessierten.

(Maureen Liston, DS Kultur, 4.1.1992)

Virginia Woolf

Meine erste große Theaterarbeit war die Textzusammenstellung von

"Liebster, ich spüre genau,
daß ich wieder wahnsinnig werde ..."

Eine Virginia Woolf Soiree.

Bilder von Olivia:

Liebster, ich spüre genau,

Es waren die letzten Tage der Freien Volksbühne in Berlin, Anfang der 90er. Ich hatte Heinrich -den Regisseur Werner Heinrichmöller - auf dieselbe Art und Weise kennengelernt, wie damals in Berlin alles zu passieren schien. Mein Freund Thomas Frauenstein erzählte mir von einer verrückten Frau, die nachts im Dschungel oder der Discothek direkt daneben - ich glaube, sie hieß Chacha - ihr Unwesen treiben sollte.
Sie hatte ihm einige Nächte zuvor erst ihre Zigarettenkippe ins Bier geworfen und dann zur Entschuldigung mit ihrem Halstuch die Schuhe geputzt. Sie sagte ihm, ein so gepflegter junger Mann wie er solle keine ungeputzten Schuhe tragen. Diese Frau wollte ich sehen. Ich ging ins Chacha und hatte sie bald ausgemacht. Olivia war schwarz und hatte blond gefärbte Haare. Kaum war mein Blick auf sie gefallen, fing sie an, mich in der dunklen Discothek zu umkreisen. Sie kam näher und näher und hielt mir schliesslich einen Zettel hin, auf dem 5000 Dollar stand.
Was auch immer das hieß, ich fand es zu teuer. Immerhin war sie jetzt nah genug, dass wir miteinander reden konnten. Ich war auf alles mögliche gefasst, gewiss aber nicht darauf, dass sie mir vorschlagen würde, im Hotel Schweizer Hof frühstücken zu gehen. Was wir taten.

Liebster, ich spüre genau, 2

Olivia war bunt, verrückt, schizophren, alleine, voller Angst, aggressiv und genial. Kaum saßen wir an einem der Tische und aßen eines der angebotenen Frühstücke, fing sie an, die Hotelgäste an den Tischen mit lauter Stimme zu beschreiben. Sie nutzte ihr Aussehen, ihre Körperhaltung, Wortfetzen, die zu uns drangen. Was immer sie auch in den einzelnen sah, mit ihren Worten stieß sie sie der Reihe nach aus dem Anzug. Nach einer Weile kam der Saalmanager zu uns an den Tisch und bat darum, sie möge aufhören, seine Gäste zu beleidigen. Olivia sah ihn ernst an und erzählte ihm, sie müsste mich vom Selbstmord abhalten. Ich sei der Bruder des Mannes, der sich einige Jahre zuvor - sie nannte ihm auf Englisch Datum und Tag - in diesem Hotel aus dem Fenster getürzt habe. Der Manager schwieg verblüfft, sah mich dann an und fragte auf Deutsch, wann sich mein Bruder umgebracht hätte. Also wiederholte ich ihm auf Deutsch das Datum und den Tag, die Olivia ihm eben genannt hatte.
Der Manager schluckte, sah mich an, meinte, das Leben könne doch so schön sein und ich solle in den Park gehen und mir die Bäume ansehen.

Liebster, ich spüre genau, 3

Dann gingen Olivia und ich, ohne bezahlen zu müssen. Von diesen Tag an wohnte sie bei mir. Während sie zeichnete und malte, schrieb ich. Eines morgens trafen wir auf der Potsdamer Straße einen staatenlosen Polen, Lazi. Ich spendierte ihm ein Bier, und Lazi schenkte uns darauf eine Freikarte für eine Theateraufführung am Abend, bei der er Statist war. Olivia wollte nicht ins Theater, sondern schickte mich, da ich schreiben würde. "Komm nicht ohne Arbeit wieder", rief sie mir hinterher. Das Stück war schrecklich. Ich saß in der Aufführung und fühlte, wie ich wütender und wütender wurde. Am Ende rief ich dann irgendwas ins Publikum. Dann ging ich auf die Premierenfeier. Auf der Feier kam ein dünner Mann auf mich zu und wollte wissen, was ich gerufen hätte. So kamen wir ins Gespräch und nach einiger Zeit gesellte sich eine mollige, rothaarige junge Frau zu uns, eine ehemalige Schülerin meines Gesprächpartners. Ich weiß nur noch, dass sie Elke hieß, wie meine Mutter, und sich als "Statistenführerin" des Theaters ausgab, einen Begriff, den ich absurd fand. Allerdings suchte sie für den kommenden Morgen noch einen männlichen Statisten, und ich nahm den Job an. So stieß ich zu den Proben von "Liliom", das Heinrich damals inszenierte.

Liebster, ich spüre genau,  4

Nach der Premiere einige Wochen später, sagte ich ihm, das ich beim nächsten Stück Regieassistent werden wolle. Heinrich erklärte mir, dass das nicht so einfach ginge. Aber der eigentliche Regiesassistent des Theaters hielt sowieso nichts von Heinrichs Arbeit, und so konnte er Hilfe gebrauchen. Ich bestand darauf, Regieassistent sein zu wollen, und Heinrich gab mir das Stück zu lesen, das er als kommendes inszenieren wollte, versehen mit dem Auftrag, es mit den Schauspielern des Esembles der Freien Volksbühne zu besetzen. In den kommenden Tagen rannte ich jeden Abend ins Theater und sah mir sämtliche laufenden Vorstellungen an. Dann schrieb ich Heinrich, warum ich wen mit welcher Rolle besetzen würde. Mit anderen Worten, ich arbeitete. Und meine Arbeit überzeugte. Im nächsten Stück fing ich als Regieassistent an. Von da an arbeiteten Heinrich und ich einige Jahre zusammen. Ich machte mit bei Rausch von Strindberg, stellte anschliessend die Texte der Virginia Woolf Soirée zusammen und war bei der letzten Produktion der Freien Volksbühne, Schrei über den Fluß von Poliakoff, im Ballhaus Rixdorf dabei. Anschließend zogen wir weiter nach Wiesbaden, ans Hessische Staatstheater, wo ich nach einem Gastvertrag einen Festvertrag angeboten bekam und auch annahm. Nachdem sich gezeigt hatte, dass ich langfristig mit der damaligen Schauspieldirektorin nicht würde zusammenarbeiten wollen, kündigte ich nach drei Monaten und ging zurück nach Berlin, wo ich die kommenden Jahre glücklich am GRIPS Theater arbeitete.

Das Stück ist zu beziehen bei: Boris Pfeiffer


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